Werner Tübke – Zeugnisse deutscher Kunstgeschichte

Werner Tübke:" Lebenserinnerungen des Dr. jur. Schulze VII", 1966/67, Mischtechnik auf Leinwand auf Holz, 122 x 183 cm, Museum der bildenden Künste Leipzig

Werner Tübke:” Lebenserinnerungen des Dr. jur. Schulze VII”, 1966-67, Mischtechnik auf Leinwand auf Holz, 122 x 183 cm. Museum der bildenden Künste Leipzig © VG BILD-KUNST BONN

Zu seinem 80. Geburtstag erhielt der 2004 verstorbene Werner Tübke seine große Retrospektive mit 90 Werken im Leipziger Museum der Bildenden Künste.  Erbittert kritisierte der ostdeutsche Künstler Werner Tübke sein Land. Doch Systemkritiker wollte er nie sein – zur Freude von Kunstfreunden. Mit großer Lust an Details malte er Bilder voller Szenen, Szenen voller Leben, Leben voller Skurrilitäten, bei denen nur das Lachen fehlt. Über all seinen Massen, Harlekinfiguren, Porträts und Revolutionsbildern liegt eine angestrengte Ernsthaftigkeit.


Werner Tübke: “Figuren am Wolfgangsee”. Aquarell 1988, signierte Original-Lithografie von 1983

Wir bieten an: Werner Tübke: “Figuren am Wolfgangsee” Original-Lithografie von 1983, signiert. Werkverzeichnis LA 5/83. Blattformat 24,5 x 49 cm. Preis auf Anfrage – klicken Sie hier: Anfragen an Art Galerie Nolden/H Paris

In seinen Aquarellen und in den Bleistiftstudien wird sehr stark spürbar, wie Werner Tübke sich für die Wandlungsfülle der Kunst begeisterte und mit welch freiem Blick er die Dinge anzusehen vermochte. Auch auf vielen seiner Strandbilder begegnet uns diese innere Freiheit, ganz sanft gelingt es ihm hier, das Alltägliche ins Überzeitliche zu verschieben. Eine Mutter mit Kind erscheint mit einem Mal als Madonna, als verletzliches Bild, ganz Augenblick, ganz ewig. “Es geht bei Tübke um Komposition, um Figuren in extremen Posen, um den Gegensatz von Getümmel und Leere. Man kann diese Kälte gegenüber dem dargestellten Gegenstand bedauern, man kann sie aber auch als Teil des Bildprogramms begreifen. Hier malte einer, der sich des vorhandenen Repertoires der Kunstgeschichte meisterhaft für eigene Bildarrangements bediente”.

 

Werner Tübke:“Karneval”, Original-Lithografie von 1983, signiert. Werkverzeichnis LA 2/83. Blattformat: 58 x 68,5 cm. Preis auf Anfrage – klicken Sie hier: Anfragen an Art Galerie Nolden/H Paris


Werner Tübke:“Frühbürgerliche Revolution in Deutschland” (1983-1987)

Werner Tübke: “Frühbürgerliche Revolution in Deutschland”, 1983-1987, Ausschnitt  © VG BILD-KUNST BONN

Tübke war schon zu DDR-Zeiten ein Spezialfall. Bereits als Kind, 1929 in Schönebeck an der Elbe geboren, sei er ein Einzelgänger gewesen, erzählte Tübke einmal. Ein „total verwöhntes Einzelkind“ aus gutbürgerlichem Elternhaus, das zunächst eine Malerlehre machen musste, bevor man ihn an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig studieren ließ, wo er später, nach einem Ausflug in die Kunsterziehung und Psychologie, als Assistent anfing. Allerdings wurde er schon bald wieder entlassen, weil er 1957 darauf bestand, dass in einer Diskussion über einen drohenden Atomkrieg auch die Thesen Karl Jaspers’ berücksichtigt werden sollten. Für so viel politischen Eigenwillen war kein Platz, und erst recht nicht bei einem Maler, der sich 1961 vorwerfen lassen musste, man vermisse bei ihm „eine eindeutig positive Beziehung zum Leben“. Schon bald machten Gerüchte die Runde, Tübke sei Mitglied einer gnostischen Sekte.

Werner Tübke: "Kreuzigungsszene", 1987
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Werner Tübke: “Kreuzigungsszene”, 1987  © VG BILD-KUNST BONN
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Werner Tübke lebte wie kein anderer Maler unserer Zeit in und aus der Vergangenheit. Cranach und Dürer waren für ihn enge Kollegen. Er sprach oft von seinem ersten Leben, das er in der Renaissance verbracht habe – „als Mönch in einem Kloster der Toskana“. Auch im 20. Jahrhundert lebte Werner Tübke als mönchischer Einzelgänger, nur hatte er das Kloster gegen eine Villa im vornehmen Leipziger Stadtteil Gohlis ausgetauscht. Pünktlich um acht ging er in den zweiten Stock hinauf, zu den Staffeleien und den akribisch geordneten Tuben, Näpfen und Pinseln. Er schaltete das Radio ein, streifte seinen weißen Kittel über und begann zu malen. Frei und unbekümmert wie kaum ein anderer konnte Tübke auf die Kunst und ihre Geschichte zugehen, konnte sich in sie einsehen und einleben und sie durch sich hindurchfließen lassen. Anders als für viele seiner Kollegen war für ihn die Vergangenheit keine Belastung, nichts, das überwunden werden musste. Statt sich dem allgemeinen Innovationszwang zu beugen und sich alle Rückgriffe auf die Vergangenheit zu verbieten, malte er an einem Geschichtsbild, das keine Brüche kennt und in dem die alten Formen und Deutungsmuster fortleben. Ohne große Mühe emanzipierte sich Tübke von den Dogmen des Fortschritts, von den Denkverboten der Gegenwart und ihrer Selbstzensur. Und dies Beharren auf dem Eigenen und Unverbiegbaren, die Selbstverständlichkeit, mit der er sich das Recht auf die Autonomie des Ästhetischen nahm, machten ihn, der so innig der Tradition verbunden war, zu einem radikal modernen Künstler.

 

Werner Tübke: "Harlekin verliert einen Freund", 1978
Werner Tübke: “Harlekin verliert einen Freund”, 1978  © VG BILD-KUNST BONN

Autonom zu sein hieß für Tübke ja auch nicht, sich ganz in ein entrücktes Früher zu flüchten und mit feinem Marderhaarpinsel nur noch den Manierismen seiner Heroen, den Schönheiten von Veronese, Tintoretto oder Pontormo nachzueifern. Er verteidigte zwar seine Kunst als L’art pour l’art gegen alle Zugriffe und Erwartungen, er wollte mit ihr weder die Welt verbessern noch die Moderne gewinnen. Dennoch greifen seine Bilder nicht selten hinein ins politische Geschehen, nehmen sich der Widerstandskämpfer in Chile an, der sanften Revolutionäre in Ungarn, auch der Unrechtsrichter des „Dritten Reichs“. Bei ihm allerdings verwandeln sich diese Themen, die andere Maler der DDR für ihre Agitation ausschlachteten, in etwas Überzeitliches. Die Trauer um gefallene Revolutionäre gerät zur Beweinung Christi, und über dem NS-Chargen hoch zu Ross schwebt plötzlich ein Engel der Gerechtigkeit, eingewickelt in giftgrünes Tuch, die Flügelfedern schwarz wie die ewige Nacht.
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Werner Tübke, Vision des Harlekin (1978. Stiftung Moritzburg, Halle)Werner Tübke: “Vision des Harlekin”, 1978. Stiftung Moritzburg, Halle/Saale  © VG BILD-KUNST BONN
 

Mehr noch als die altmeisterliche Perfektion seines Pinselstrichs verblüfft diese Lust Tübkes am Zeit- und Weltensprung; in seinen Bildern begegnen wir dem unvertraut Vertrauten, Höllensturz, Kreuzabnahme, Sacra Conversazione. Tübke öffnet lauter Falltüren, die uns hineinpurzeln lassen in eine verschollen geglaubte Sphäre der Allegorien und ikonografischen Verweise, in ein (auch für ihn) kaum unauflösbares Spiel der Zeichen und Zitate. Alle Schrecken des Augenblicks überführte er ins schier Zeitlose, was eben noch singulär erschien, weiß sich eingebettet in den ewigen Kreislauf aus Leben und Tod. Tübke tröstet, er relativiert. Natürlich überforderte so viel Dialektik die Aufsichtsräte der DDR-Kunst. Laut Kommunistischem Manifest herrschte in der bürgerlichen Gesellschaft die Vergangenheit über die Gegenwart, in der kommunistischen hingegen hatte die Gegenwart über die Vergangenheit zu regieren. Und was tat Werner Tübke? Erfand eine herrschaftsfreie Kunstwelt, spielte das Heute nicht gegen das Gestern aus und das Gestern nicht gegen das Heute. Hier hat sich jemand sozusagen im isolierten Eigenbau eine DDR-Postmoderne gebastelt.

 

Werner Tübke:"Die Lebenserinnerungen des Dr. jur. Schulze", 1965
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Werner Tübke: “Die Lebenserinnerungen des Dr. jur. Schulze”, 1965 © VG BILD-KUNST BONN
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Werner Tübke: "Die Lebenserinnerungen des Dr. jur. Schulze", 1965, Ausschnitt
Werner Tübke: “Die Lebenserinnerungen des Dr. jur. Schulze”, 1965, Ausschnitt  © VG BILD-KUNST BONN
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Werner Tübke: "LEBENSERINNERUNGEN DES DR.JUR. SCHULZE VII (AUSSCHNITT) /  1966/67Werner Tübke: “Die Lebenserinnerungen des Dr. jur. Schulze”, 1965-67, Ausschnitt  © VG BILD-KUNST BONN
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Werner Tübke: "Gruppenbild (auch Brigadebild)", 1971-72
Werner Tübke: “Gruppenbild (auch Brigadebild)”, 1971-72 © VG BILD-KUNST BONN
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Werner Tübke: "„Weihnacht 1524”, 1982 ___________________________________________________________
Werner Tübke: “Weihnacht 1524”, 1982  © VG BILD-KUNST BONN
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Werner Tübke:"„Der alte Narr ist tot”, 1993Werner Tübke:”Der alte Narr ist tot”, 1993  © VG BILD-KUNST BONN
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Literatur: Eingegrenzt – Ausgegrenzt: Bildende Kunst und Parteiherrschaft in der DDR 1961-1989 von Hannelore Offner und Klaus Schroeder
Bildende Kunst in der DDR. Die andere Moderne. Werke – Tendenzen – Bleibendes von Hermann Raum
Malerei der DDR. Funktionen der bildenden Kunst im Realen Sozialismus. von Martin Damus
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