Max Ernst – Traum und Revolution

Max Ernst, Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: André Breton, Paul Éluard und dem Maler, 1926 | © 2013, ProLitteris, Zürich; Foto: Peter Willi / ARTOTHEK

Max Ernst: “Die Heilige Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: André Breton, Paul Eluard und dem Maler”, 1926, Museum Ludwig, Köln. Als Posterdruck im Format 60 x 45 cm hier erhältlich. Anfragen – hier!

Über dieses Kunstwerk

Die Mutter Gottes, jahrhundertelang verehrt und verklärt als Inbild weiblicher Sanftmut, Milde und Duldsamkeit – hier entzaubert sie sich selbst. Dass sie bereits mehrfach kräftig zugeschlagen haben muss, verraten die geröteten Gesäßbacken ihres Söhnchens, dessen Schreie im blauen Wickeltuch nur gedämpft zu hören sind. Auf klassischen Marienbildern schauen die Mutter und ihr nacktes Kind in der Regel den Betrachter frontal an – mit lieblichem Blick, die Hände zum Gebet gefaltet oder zum Segensgruß erhoben. Hier dagegen sind Marias weit geöffneten Augen starr auf das Hinterteil ihres Sohnes gerichtet, das seinerseits – anstelle des Gesichtes – dem Betrachter zugewandt ist. Die große Tradition des abendländischen Marienbildes findet einen provokativ blasphemischen Endpunkt. Menschlich – Allzumenschliches
nimmt den Platz ein, der einst für ein göttlich inspiriertes Heilsgeschehen von kosmischem Rang reserviert war. Der Traditionsbruch, den Max Ernst parodistisch inszeniert, lässt sich noch an weiteren Einzelheiten aufzeigen. Bis auf ihren Heiligenschein ist Maria aller überirdischen Attribute entkleidet.

Herausgelöst ist sie aus allen Zusammenhängen, die auf eine Schlüsselrolle im christlichen Erlösungswerk hindeuten. Der mediterran leuchtende Himmel über ihr ist zwar offen, aber leer, und er bleibt leer. Er ist nur noch eine meteorologische, keine religiöse Größe. Kein himmlischer Thron steht dort in einem himmlischen Jerusalem für die Himmelskönigin bereit, kein himmlisches Personal, geflügelt oder ungeflügelt, dient ihr als Hofstaat. Wo einst ein Paradiesgärtlein mit Hecke und Rasenbank, mit heilkräftigen Pflanzen und edlen Rosen, mit Häschen und Vögelchen eine heile Welt vorgaukelte, da stehen jetzt sterile Stellwände, zwischen denen sich eine wenig erbauliche Familienszene abspielt. Meditative Stille und eine Haltung der Andacht, ja der Anbetung können hier nicht mehr aufkommen.

Über Max Ernst

Gerade erst erzielte Max Ernst einen neuen Rekordpreis für ein surrealistisches Gemälde. Sein “The Stolen Mirror”, 1941 wurde am 1. November 2011 bei Christie’s in New York für 16.3 Millionen US-Dollar inkl. Aufgeld verkauft. Der Schätzpreis lag zwischen  4- 6 Millionen US- Dollar. Max Ernst (1896 – 1976) war einer der führenden Künstler des Dada in Deutschland, und stieß später auch zu dem Kreis um André Breton, dem inoffiziellen Gründer der Surrealistischen Bewegung. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges flieht Max Ernst in die USA, zunächst nach New York und später nach Sedona in Arizona, wo er sich zeitweise niederließ. Erst 1950 kehrt er nach Deutschland zurück Hier wird erstmals wieder nach 30 Jahren seine Pionierarbeit in der Vervollkommnung von Maltechnik, Collage und Skulptur beleuchtet sowie seine Techniken in der Frottage, Grattage und nicht zuletzt der Decalcomanie.