Marc Chagall – Träume zu Farben

Marc Chagall:"Das Hohelied II", 1960

Marc Chagall:”Das Hohelied II”, 1960, Öl/maroufliertes Papier auf Leinwand, 139 x 164 cm. Copyright © Musées Nationaux du XXe Siècle des Alpes-Maritime, Nice.

Eine ausgestreckte Frau, von einem in Blüte stehenden Busch umgeben, sie scheint zu schlafen, zu träumen. Die Nacktheit der schlafenden Frau verweist auf den Vers aus dem Hohen Lied (ein Buch des jüdischen Tanach)  “Des Nachts auf meinem Lager suchte ich ihn, den meine Seele liebt.” Es ist durchaus möglich, in dieser so auf dem Lebensbaum dargebotenen Frau Chagall’s Ehefrau Bella (Bella Rosenfeld Chagall, * 1895 in Wizebsk; † 2. September 1944 in New York) zu sehen. Der Lebensbaum ist gebeugt, Bella ist nicht mehr, aber eine andere Frau sitzt am Fuss des Baumes, Valentina, die ebenfalls Geliebte ist. Auf diese Weise sind die beiden Frauen in ein und derselben Liebe verbunden. Die sehr helle Farbe des dargebotenen Körpers verleiht dem Gemälde eine erotische Atmosphäre. Oberhalb Jerusalems ist eine Hand zum Mond hin ausgestreckt. Der Mond ist Symbol des Weiblichen. Zwischen den beiden im Bild zu erkennenden Bäumen schwebt der flügelbewehrte König David. Mit seiner Leier begleitet er die Reise der ausgestreckten Frau in das Land der Träume. In der Nähe Davids steht der Thron Salomonis und unterhalb des Berges ist die Stadt Jerusalem mit Davidsturm und Felsendom zu erkennen.

Marc Chagall eint in seinem Werk die formalästhetischen Errungenschaften der Pariser Avantgarden mit der wilden zärtlich-poetischen Erzählfreudigkeit seiner russischen Heimat. In der Verbindung der reichen Erzählkunst mit Chagalls charakteristischem unorthodoxen Bildaufbau, seiner kühnen Farbgebung und der ihm eigenen poetischen Sensibilität gehört sein Gesamtwerk zu den Ikonen der Malerei der klassischen Moderne.

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