Kunstmarkt 2010

Alberto Giacometti, L'Homme qui marche (Bild: Sothebys)

_____________________________________________________

Alberto Giacometti: “L’Homme qui marche”. (Bild: Sothebys).

Eine Plastik des Schweizer Bildhauers Alberto Giacometti hielt den Auktionsrekord auf dem Kunstmarkt nur wenige Wochen. Die lebensgroße Bronzearbeit von 1961 erzielte Anfang Februar 2010 in London einen Preis von rund 104,3 Millionen US-Dollar – nach nur acht Minuten Versteigerung gabe es den Zuschlag an einen anonymen Telefonabieter. Pablo Picassos “Nu au Plateau de Sculpteur” hat diesen Verkaufswert nun noch übertroffen, für 106.482.500 $ ging dieses Gemälde bei Christies, New York, am 4.5.2010 an einen unbekannten Kunstliebhaber.

Also keine Spur von Krise? Nicht ganz. Die großen Sammler, die immer schon Zeitgenossen gekauft haben, werden dies auch weiterhin tun. “Aber die Gutverdiener, die früher einen beträchtlichen Anteil ihres Einkommens für Kunst ausgegeben haben, werden weniger”, sagt Andreas Rumbler, der Geschäftsführer von Christie”s Deutschland, und das bekommen auch die Galerien deutlich zu spüren. Ungesicherte, jüngere Positionen tun sich schwer.

“Galerien sind keine Inseln der Seligen mehr, wie es noch 2006/07 war”, sagt der Galerist Klaus Gerrit Friese, der Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Galerien ist. Nach der Pleite der Lehman Brothers sei “der Wahnsinn implodiert, und es ging bergab”. Ein Galeriensterben habe aber nicht eingesetzt, sondern es sei eher eine Rückkehr zur Normalität, so Friese. Will sagen: während des Hypes sind einige Preise rasant in die Höhe geschossen, jetzt entwickeln sie sich wieder bedächtiger – und reeller.

Immerhin: durch den Hype, meint Friese, ist die kulturelle Bedeutung der zeitgenössischen Kunst deutlich geworden. Einige Künstler, die in dem Rausch nach oben gespült wurden, sind heute Millionäre. Das Gros der Künstler kann sich aber weiterhin nicht von der Kunst ernähren. Von den rund 600 Absolventen, die jährlich die deutschen Kunstakademien verlassen, können sich keine zehn Prozent am Markt etablieren.

Dennoch ist Kunst aus Deutschland weiterhin ein weltweit hochgeschätztes Gut. Der Kunstkompass, den das “Manager Magazin”jährlich veröffentlicht, ist ein Ranking der bedeutendsten Künstler – allerdings nicht, was die Preise anlangt. Bewertet werden hingegen Ausstellungen und internationale Reputation. An der Spitze steht weiterhin Gerhard Richter, und unter den Topkünstlern der Welt kommen 29 aus Deutschland. Mit dabei: Sigmar Polke, Georg Baselitz und Anselm Kiefer, Andreas Gursky und Thomas Ruff, Thomas Schütte und Günter Förg.

Sigmar Polke: Siebdruck "Bargeld lacht" (2002)Sigmar Polke: Siebdruck “Bargeld lacht” (2002)

Als Käufer spielen die Deutschen allerdings kaum eine Rolle im internationalen Vergleich. Wie jetzt, wo in New York die Brody-Collection aufgelöst wird, werden die meisten Kunstwerke gen Osten gehen. “In Russland, im Mittleren Osten und am Golf ist großer Hunger nach Klassikern der Moderne”, sagt Andreas Rumbler. Auch Amerika spielt noch auf dem Markt mit, was auch an der Steuerpolitik liegt. Wer beim Kauf erklärt, das Werk als “promise gift” in einem Museum zu präsentieren, hat steuerliche Vorteile.

Georg Baselitz: “Mittags” (2004)

Nur des Geldes wegen sollte man dennoch keine Kunst kaufen. So verlässlich die Klassische Moderne derzeit gelten mag, Schwankungen können immer vorkommen. Die Neuen Wilden werden längst nicht mehr so hoch gehandelt wie in den neunziger Jahren. Klaus Gerrit Friese trifft auch immer wieder enttäuschte Erben, die die familiäre Sammlung weit überschätzt haben. “Kunst hat auch einen Vergänglichkeitsaspekt”, sagt er, “deshalb ist es schrecklich, wenn man alles immer nur unter dem Anlageaspekt sieht.”