Kunst in der DDR – Schöpfung, Sündenfall, Brudermord (1)

Werner Tübke: “Verkündigung an die Bauern”, 1987, Ausschnitt

Werner Tübke:“Frühbürgerliche Revolution in Deutschland” (1983-1987), Ausschnitt. © Copyright Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Das Bauernkriegsdenkmal ist Werner Tübkes (30. Juli 1929 in Schönebeck (Elbe); † 27. Mai 2004 in Leipzig) grösstes Werk, es wird noch immer bestaunt. Und Frankenhausen war ein besonderer Ort für den Arbeiter- und Bauernstaat. In der Niederlage des Reformators Thomas Müntzer wollte man den Keim späterer Revolutionen erkennen. Der Schauplatz der letzten Schlacht der Bauernkriege, wo die Landsknechte 1525 das Bauernheer des Thomas Müntzer den Abhang hinuntergetrieben haben, steht heute der Rundbau des Museums, in dem Tübkes Panoramabild “Die frühbürgerliche Revolution in Deutschland” 1989 zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

500 Jahre nach der Geburt von Thomas Müntzer sollte sein Bild davon Zeugnis geben, welcher der beiden deutschen Staaten die guten, die fortschrittlichen Kräfte des Volkes repräsentiert. “Im 40. Jahr des Bestehens der Deutschen Demokratischen Republik können wir mit Genugtuung feststellen, dass in unserem Lande die Zukunftsvision Müntzers in Erfüllung gegangen ist”, zitiert die “Tribüne” aus der Eröffnungsrede Kurt Hagers, im SED-Politbüro Chefideologe und oberster Kulturverantwortlicher, der damals den kranken Erich Honecker vertrat. Das Volk der DDR habe getreu dem Vermächtnis Müntzers sein Recht auf Selbstbestimmung verwirklicht. Das war am 14. September 1989. Während Hager sprach, bahnten sich selbstbestimmte Bürger ihren Weg in den Westen. In Tübkes Stadt Leipzig verdichteten sich die Montagsdemonstrationen und die DDR Bürger machten sich daran, ein friedliches Ende ihres Arbeiter- und Bauernstaates herbeizuführen. Und im Wald von Frankenhausen mahnt ein sandbrauner Stein zum Gedenken an die 6 000 toten Bauern mit der hoffnungsvollen Aufschrift ihrer Fahne: “Freyheit”. Thomas Müntzer geriet nach der Schlacht in Frankenhausen mit zahlreichen Aufständischen in Gefangenschaft. Die Sieger brachten ihn nach Heldrungen. Dort wurde er gefoltert. Am 27. Mai 1525 wurde Thomas Müntzer in der Nähe von Mühlhausen enthauptet.

Werner Tübke: “Verkündigung an die Bauern”, 1987, Ausschnitt____________________________________________________________

Werner Tübke:“Frühbürgerliche Revolution in Deutschland”, Ausschnitt,  (1983-1987). © Copyright Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Werner Tübke: “Verkündigung an die Bauern”, 1987, Ausschnitt__________________________________________________________________________

Werner Tübke:“Frühbürgerliche Revolution in Deutschland”, Ausschnitt,  (1983-1987). © Copyright Stiftung Preußischer Kulturbesitz

 

Die Deutung seines Werkes hat Werner Tübke stets vorsichtig vermieden. Alles ist zyklisch – die Jahreszeiten, auch die Geschehnisse wirken, als hielte es der Maler mehr mit der Idee ewiger Wiederkehr des Gleichen als mit dem revolutionären Fortschritt. Aus winterlichem Feld ragt Breughels babylonischer Turm, Sinnbild erstarrter Macht, im Frühling tobt Müntzers Schlacht, im Sommer ziehen apokalyptische Endzeit-Visionen vorüber und im Herbst malte Tübke biblische Ursprungsmythen: Schöpfung, Sündenfall, Brudermord. Doch zunächst fesselt die schiere Masse: 90 000 Farbtuben quetschte Tübke in1 480 Tagwerken aus; die Leinwand ist aus einem Stück gewebt, 1,1 Tonnen schwer und kommt aus dem sowjetischen Textil-Kombinat Sursk. 14 Meter hoch ist das Bild und 123 Meter lang. 1 722 bemalte Quadratmeter sind das, verteilt auf einen Kreis von 40 Metern Durchmesser. 54 Millionen Mark soll das ganze gekostet haben. Das ging nicht ohne Widerstand ab.

Werner Tübke, Entwurf für das ›Bauernkriegs-Panorama‹

Werner Tübke:“Frühbürgerliche Revolution in Deutschland”, Ausschnitt,  (1983-1987). © Copyright Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Werner Tübke, Entwurf für das ›Bauernkriegs-Panorama‹ Teil 2Werner Tübke:“Frühbürgerliche Revolution in Deutschland”, Ausschnitt,  (1983-1987). © Copyright Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Der zuständige Direktor des Wohnungsbaukombinates Halle/Saale war der Stasi wegen seiner “völlig ablehnenden Haltung” aufgefallen. Der Mann hatte berechnet, dass das Projekt auf dem Schlachtberg “allein in einem Jahr den Bau von zwei Mittelschulen und zwei Vorschuleinrichtungen” verhinderte. Die Auftraggeber hingegen schien die Gigantomanie des Vorhabens in einen Rauschzustand zu versetzen. Keiner hatte bemerkt, dass ihnen Tübke unter der Hand das Thema verkehrte. Statt der bestellten Apotheose des Revolutionärs bereitete er ein riesiges Tagebuch gekleidet in historische Gewänder vor. “Teatrum Mundi” werden es Kunsthistoriker später nennen, Welttheater. Keine Spur von Verherrlichung der Revolution, Elend allerorten und Opfer, gestaltet in der Manier von Breughel und Bosch, von El Greco und Pontormo, von Tübke nicht zuletzt. Hoch über Müntzers Gestalt, die niedergeschlagen im Zentrum des Schlachtgetümmels zu sehen ist, stürzt Ikarus vom Himmel, der Urvater aller Hochmütigen. Luther sitzt ein Januskopf auf den Schultern. In Gutenbergs Druckerei, die im Gewimmel der Figuren steht, wagt Tübke sogar, die Zensur zu verhöhnen. Statt den Druckstock zu schwärzen, färbt der Arbeiter das bedruckte Papier schwarz ein.

Werner Tübke:"Frühbürgerliche Revolution in Deutschland”, Ausschnitt (1), (1987)____________________________________________________

Werner Tübke:“Frühbürgerliche Revolution in Deutschland”, Ausschnitt,  (1983-1987). © Copyright Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Werner Tübke:“Frühbürgerliche Revolution in Deutschland”, Ausschnitt, (1987)

Werner Tübke:”Frühbürgerliche Revolution in Deutschland”, Ausschnitt , (1987). © Copyright Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Das von Tübke in zehnfacher Verkleinerung vorgestellte Modell mit seinem Gewirr von 2500 Figuren wirkte mächtig gelehrt, voller Anspielungen und Zitate, für Widerspruch fehlten den Auftraggebern die Argumente. Also ließ man ihn gewähren, stellte ihm Gehilfen bei und gab ihm, was an Geld nötig war, es wurde immer mehr. Mit einem Heer von Mitarbeitern, dachte Tübke, würde er gut dreißig Jahre an dem Werk arbeiten. Erst mussten die Tafeln in 900 Sektoren zerteilt und die Umrisse kopiert werden. Helfer übertrugen die Skizzen mit Hilfe von Projektoren auf die grundierte Leinwand. Dann machte sich Tübke ans Werk. Es sollte rascher gehen als erwartet. Mit fünf Gehilfen, von denen zuletzt nur einer blieb, beendete Tübke das Rundbild in vier Jahren.

Werner Tübke: “Verkündigung an die Bauern”, 1987, AusschnittWerner Tübke:“Frühbürgerliche Revolution in Deutschland”, Ausschnitt,  (1983-1987). © Copyright Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Als die Mauer fiel, schien zunächst unklar, was mit dem Prestigeobjekt der SED werden sollte. Als erstes fiel der Name weg, den Tübke nie geliebt hatte. Aus ‘Frühbürgerliche Revolution in Deutschland’  wurde  im April 1990 ‘Panorama Bad Frankenhausen’. Die Besucher lassen sich von den politischen Streitigkeiten nicht beeindrucken. Seit der Eröffnung kommen jedes Jahr über hunderttausend Menschen, “das sind mehr als alle Leipziger Museen zusammen verzeichnen”, sagt Direktor Gerd Lindner stolz.

"Frühbürgerliche Revolution in Deutschland" FOTO: PICTURE-ALLIANCE/ ZB/DPA-ZENTRALBILD“Frühbürgerliche Revolution in Deutschland”  © PICTURE-ALLIANCE/ ZB/DPA-ZENTRALBILD

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