Kunst in der DDR – Grenzgänger, Einzelgänger, Rebellen

Herrmann Glöckner: "Weißer Keil auf Rot", 1982, Faltgrafik, Tempera, signiert, datiert. und bez. u. re.: 'Glöckner 1982 für Katarina R.'.  Maße:36,0 x 50,0 cmHerrmann Glöckner: “Weißer Keil auf Rot”, 1982, Faltgrafik, Tempera, signiert, datiert. und bez. u. re.: ‘Glöckner 1982 für Katarina R.’.  Maße:36,0 x 50,0 cm.

Zu diesen wunderbaren konstruktivistischen Papierarbeiten, Tafelbildern und Metallskulpturen von Hermann Glöckner, gibt es im Westen Deutschlands eigentlich keine wirkliche Entsprechung. Glöckner, Jahrgang 1889, lebte in Dresden: inmitten genau jener Bürgerlichkeit, die der Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp in seinem Bestseller „Der Turm“ beschreibt. Gestorben ist er 1987 während eines Besuchs in WestBerlin. Ein Grenz- und Einzelgänger, Fossil der künstlerischen Avantgarde um 1930. Und ein Unbeugsamer, der sich selbst in den kulturpolitisch rigiden fünfziger und sechziger Jahren nicht durch den staatlich verordneten Banal-Realismus in Versuchung führen ließ. Er ist zur Avantgarde-Kunst in der DDR zu rechnen, so wie Alexander Rodtschenko, Wilhelm Müller, Woldemar Winkler und Klaus Dennhardt. Sie alle experimentierten mit verschiedenen Materialien und Fakturen mit dem Eigenwert von Material, Form und Farbe. Außerdem bewegten sie sich stets zwischen den Polen konkreter und informeller Kunst und waren deshalb meist ausgeschlossen vom offiziellen Kunstbetrieb in Ostdeutschland. Doch diese Kunst war keine marginale Erscheinung, sondern ein lebendiges Arbeitsfeld für Künstler und Kunstsachverständige in der DDR.
Herrmann Glöckner: "o. T. (Kurvige Teilung eines Rechtecks)", 1971, Glasdruck über Zeichnung 36,5 x 50 cm Herrmann Glöckner: “o. T. (Kurvige Teilung eines Rechtecks)”, 1971, Glasdruck über Zeichnung 36,5 x 50 cm.

Glöckner war die Vater- und Leitfigur, nicht nur für Dresdner Künstler. Zu ihnen gehören so unterschiedliche Temperamente wie Karl-Heinz Adler, Jahrgang 1927, oder Glöckners Ateliernachfolger Max Uhlig. Adler, der konkret-konstruktive Dresdner Maler und Grafiker, schuf seit den Fünfzigern auch Skulpturen und entwickelte mit Friedrich Kracht eine Serie von Betonformsteinen, die, als Stützmauer oder Wandverkleidung, bis heute in vielen Plattenbaugebieten zu finden sind. Angewandte Kunst genoss im Osten einen hohen Stellenwert. Unangepassten bot sie einen Weg aus ideologischen Reglementierungen. In die Produktion gelangten die Entwürfe fast nie. Es ist kein Zufall, dass sich in Dresden, Chemnitz und der sächsischen Provinz Traditionen fernab der DDR-Kunstzentren Leipzig und Berlin etablierten. Mit starken Einzelnen wie dem Multitalent Carlfriedrich Claus, der sein Leben fast ausschließlich im Erzgebirgsstädtchen Annaberg verbrachte. Claus brannte für Existenzialismus und Esoterik, experimentierte mit Sprachen und Klang. Jahrzehntelang korrespondierte der 1998 gestorbene Künstlergelehrte über die Mauer hinweg mit Geistesverwandten wie dem Lyriker Franz Mon oder dem Dadaisten Raoul Hausmann. In unzähligen Zeichnungen und Drucken schrieb er seinen philosophischen Traktat fort. Claus’ „Aurora“-Experimentalraum vertritt – neben Bernhard Heisig – die ostdeutsche Kunst im Reichstagsgebäude.

Max Uhlig: "Miles Davis", 2008, Aquarell, Tusche, Unikat, signiert, 48x64 cm (18,9x25,2 in)Max Uhlig: “Miles Davis”, 2008, Aquarell, Tusche, Unikat, signiert, 48×64 cm (18,9×25,2 in). Nicht zum Verkauf.

Der zweite, oft schwerere Weg führte in die künstlerische Autonomie. Der 1937 geborene Dresdner Max Uhlig widmet sich bis heute zielstrebig der Abstrahierung von Porträt und Landschaft in Malerei und Zeichnung – seine schwarzlinigen Bilder lassen sich durchaus mit Giacometti vergleichen. Lange hielt sich der Künstler durch den in der DDR florierenden Handel mit Druckgrafik über Wasser und druckte neben eigenen Blättern die Auflagen befreundeter Künstler. Für Uhlig und Adler war das Ende der DDR keine Zäsur, konsequent gehen sie ihren Weg weiter. „Souveräne Wege“ hieß 1998 eine Wanderausstellung. Die Künstlerliste liest sich wie ein Who-is-who der „anderen“ DDR-Kunst: Gerhard Altenbourg, Carlfriedrich Claus, Hermann Glöckner, Eberhard Göschel, Michael Morgner, Max Uhlig. Sie alle stellten zu DDR-Zeiten in der Chemnitzer „Galerie oben“ aus. Und natürlich in der legendären wie kurzlebigen Produzentengalerie „Clara Mosch“.

Gerhard Altenbourg:"Bulemanns Haus", 1967, Original-Lithographie, signiert

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Gerhard Altenbourg: “Bulemanns Haus”, 1967, zweifarbige Lithographie in Ockergelb und Schwarz auf starker Karton, signiert unten mittig, 47,6 x 33,1 auf 50 x 40 cm. Mehnert 157. Janda L121 IIIc.  Aus der Folge »Deutsche Märchen«. 7. Druck der Kabinettpresse Berlin. EUR 1.400. Klicken Sie hier: Anfragen an Art Galerie Nolden/H – Paris

Der wohl bekannteste der ostdeutschen Künstler-Einsiedler ist Gerhard Altenbourg, geboren 1926 als Gerhard Ströch. Seinen – französisierten – Künstlernamen wählte er nach der Heimatstadt Altenburg in Thüringen. Altenbourg, Teilnehmer der 2. documenta 1959 in Kassel, hätte mit seinen fein gesponnenen Traumbildern im Westen spielend Karriere gemacht, wäre nicht der Mauerbau dazwischengekommen. Doch schon 1964 veranstaltete der West-Berliner Galerist Dieter Brusberg, damals noch in Hannover, seine erste Altenbourg-Ausstellung. Brusberg hat viel zum händlerischen Erfolg und Nachruhm des 1989 bei einem Verkehrsunfall gestorbenen Künstlers beigetragen. 2003 half der einst wichtigste Händler für DDR-Kunst im Westen bei der Organisation der großen Altenbourg-Retrospektive im Düsseldorfer K20, die dann weiter nach Dresden und München ging. Der damalige K20-Chef Armin Zweite setzte den Ost-Künstler gegen Widerstände im eigenen Haus durch.

Gerhard Altenbourg: "Ein Kinderspiel", 1966, Original-Lithografie, signiert, lim. Auflage 55 Exemplare,

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Gerhard Altenbourg: “Ein Kinderspiel”, 1966, Original-Lithographie auf Karton, lim. Auflage 55 Exemplare, signiert, numeriert und betitelt; verso mit dem Editionsstempel versehen; 47 x 30,6 auf 61,3 x 42,9 cm. Edition des Kunstvereins Hannover 1966. Guter Zustand. EUR 450. Klicken Sie hier: Anfragen an Art Galerie Nolden/H – Paris

1945 gehörte Gerhard Altenbourg zur geschlagenen und arg dezimierten Generation. Alle Spiegel waren zertrümmert. Desillusioniert misstraute er aller Kunstkonvention, die das Inferno nicht hatte verhindern können, und ohnhäutig und der Kunst in Wort und Bild verfallen, fand er beim Bürgerschreck Dada und beim Erzpoeten Klee Trost und Genugtuung. Hier konnte er sich künstlerisch ausleben: seine Übersensibilität, den Hang zu subtiler Poesie, zu Lust, Trauer und Entsetzen und damit seine Affinität für eine ironische, gar groteske Sicht auf die Dinge. Wes Sinn und Sinne gewetzt sind, dem steht eben der Griffel nicht stille. So saß er in seiner Altenburger Werkstatt, einem in Jahrzehnten entstandenen Gesamtkunstwerk, und sandte Zeichen aus. Ein Seher, der seine Reflexe auf Welt betroffen in Tafeln ritzte. Freilich, was letzten Endes in die Linie kam, war nur noch kleiner Restimpuls seiner zuweilen ungeheuren Welt- und Selbsterfahrungen. Und wie ein “erster Mensch” lauschte er in sich hinein und reagierte er mit seismographischer Registratur auf die tiefen Echos. Da wandelten sich psychische Energien in Bewegung und Zeichnung, die Erfahrung sinnlich und sinnfällig in Linie und Form überführten. Er ließ sich per Stift lenken von momentanen Ereignissen, und geradezu wollüstig folgte er dem Formtrieb, ganz beherrscht vom “Gesetz des Reizes”. Und dieses Spiel betrieb er mit detektivischer Entlarvungslust – sich selbst und der Welt gegenüber. Druckstock oder Blattgeviert wurden dabei zu dramatischem Terrain für Linien und Punkte, Krakel und Strichel, die sich zu Landschaften oder Figuren verdichteten, und es konnte dann passieren, dass zwischen zwei Figuren ein Raum stand wie ein stiller Schrei, der als Schmerz gelesen werden kann oder als Lust. Herkömmliche Ästhetik, akademische Perfektion und bekannte Muster sucht man bei ihm vergebens. Stattdes das Abenteuer Linie pur und in freier, eigenwilliger Entfaltung. (Prof.Dr. Edwin Kratschmer)

Carlfriedrich Claus: "Psychisches Feld", Kaltnadelradierung, signiert________________________________________________________________________________________

Carlfriedrich Claus: “Psychisches Feld”, Original-Kaltnadelradierung auf gelblich getöntes Kupferdruckbütten, signiert; 16 x 11,7 auf 36 x 26,6 cm. Edition der Griffelkunst Vereinigung, Hamburg. Griffelkunst-Editionsverzeichnis 266 B3. EUR 150. Klicken Sie hier: Anfragen an Art Galerie Nolden/H – Paris

Carlfriedrich Claus (* 1930 in Annaberg, gestorben 1998 in Chemnitz) verstand sich selbst als überzeugten Kommunisten. Aber im Gegensatz zum dogmatischen Schulmarxismus beharrte er so entschieden auf einem mystisch verstandenen utopischen Charakter der Ideologie, dass er sich die Gegnerschaft des SED-Regimes zuzog. Mit seinem “Aurora-Raum”, der das Morgendämmern der Utopie verkünden soll, will Claus seiner Sehnsucht “nach der Aufhebung des Entfremdetseins von sich selbst, von der Welt und von den anderen Menschen” Ausdruck verleihen. Diese kleinformatigen Arbeiten aus der Grafik-Folge “Aurora”, die auf der Plenarsaalebene des Deutschen Bundestages in einer Vitrine als Faksimile ausliegen, ließ er für das Reichstagsgebäude als Fotofilm auf Acryl-Platten aufbringen. Auf diese Weise wird die Wirkung der optischen Überlagerungen und Überschneidungen seiner Motive noch gesteigert: Wenn die Besucher an den frei im Raum hängenden Bildtafeln vorübergehen, schieben sich die Bildelemente der einzelnen Blätter oder Acryl-Platten übereinander und bilden nunmehr in vier- und sechsfacher Überlagerung eine neue Schrift-Räumlichkeit, von der sich der Künstler einen noch eindrucksvolleren Bezug zu seinen “visuellen Spannungsfiguren” erhofft.

Carlfriedrich Claus:"Der subjektive Faktor; Probleme sozialistischer Informationspolitik. Hommage a Karl Marx", 1982/83, Original-Lithografie_______________________________________________________________________

Carlfriedrich Claus: “Der subjektive Faktor; Probleme sozialistischer Informationspolitik. Hommage a Karl Marx”, 1982/83, Original-Lithografie, 292 x 233, Blatt: 533 x 395, sign., dat., betitelt. Aus der Mappe: Und die Tat, sie blieb uns doch. Hommage a Karl Marx, Edition XIV des Verlages Philipp Reclam jun. Leipzig 1983. EUR 1.000. Klicken Sie hier: Anfragen an Art Galerie Nolden/H – Paris

Claus verstand sich als Grafiker, Zeichner, Schrisftsteller und Künstler-Philosoph. Seine Grafiken, bestehen aus einer Mikroschrift, die praktisch nicht entzifferbar ist und sich zu meist aus abstrakten Gebilden zusammensetzt. Seine Themen sind Sprache (Claus experimentierte mit Lautbildungsprozessen), Schrift (er beherrschte mehrere Alphabete) und kommunistische Geschichtsphilosophie sowie die Beziehungen zwischen Subjekt und Objekt, Bewusstsein und Materie. Claus stand u.a. anderem in Kontakt zu Ernst Bloch, Michel Leiris, Raoul Hausmann, Franz Mon und dem Dresdner Maler Albert Wigand.Vorwiegend Sprachblätter, doppelseitig bezeichnetes Transparentpapier, und theoretische Texte. Seit 1968 Lithographien, 1974/75 Radierungen, 1977 Grafikmappe “Aurora”, 1986/88, Grafikmappe “Aggregat K”, 1998 Altenbourg-Preis, Retrospektive des druckgraphischen Werkes im Lindenau-Museum, Altenburg; 1999″Aurora-Experimentalraum” im Reichstag Berlin.

Carlfriedrich Claus, »Aurora Experimentalraum«, 1993 © Carlfriedrich Claus Für eine Videodokumentation zeigt Carlfriedrich Claus, wie durch beidhändiges Schreiben seine Sprachblätter entstehen.___________________________________________________________

Carlfriedrich Claus, »Aurora Experimentalraum«, 1993, © Carlfriedrich Claus. Für eine Videodokumentation zeigt Carlfriedrich Claus, wie durch beidhändiges Schreiben seine Sprachblätter entstehen.

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Rebellische Künstlerinnen der DDR

 

Kunsthalle Mannheim
Feministische Kunst in der DDR? Als erstes und einziges Museum der Alten Bundesländer widmete die Kunsthalle vom 02.07.–09.10.2011 einem so brisanten wie überraschenden Aspekt der Kunstgeschichte im anderen Deutschland eine Ausstellung. Nie haben die Fotografien, Filme, Performances und Grafiken einer kleinen Gruppe jüngerer Künstlerinnen das Licht der Kunstöffentlichkeit erblickt. Die Dresdener Kuratorin Susanne Altmann zeigte nun, wie nah diese inoffizielle Kunst der späten DDR in Qualität und Ausdruck dem internationalen Feminismus, vor allem in den USA war: über Grenzen hinweg wurden rebellische Künstlerinnen zu Pionieren heutiger Konzeptkunst.
Else Gabriel, Performance in der Galerie Weißer Elefant, Ostberlin, Juni 1989  ©Jochen Wermann
Else Gabriel, Performance in der Galerie Weißer Elefant, Ostberlin, Juni 1989 ©Jochen Wermann

 

Tina Bara, o.T. 1986/87, aus 14-teiliger Serie, Barythprints ©Tina Bara
Tina Bara, o.T. 1986/87, aus 14-teiliger Serie, Barythprints ©Tina Bara

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Literatur:

Kunst in der DDR, 1990, Eckhart Gillen und Rainer Haarmann

Malerei der DDR. Funktionen der bildenden Kunst im Realen Sozialismus. 2002, von Martin Damus

Vom sozialistischen Realismus zur Kunst im Sozialismus. Die Rezeption der Moderne in Kunst und Kunstwissenschaft der DDR, 2001, von Ulrike Goeschen