Gerhard Richter – Über Verlogenheit

Seestück (bewölkt) Seascape (Cloudy) 1969 200 cm x 200 cm Catalogue Raisonné: 235 Oil on canvas Copyright ©Gerhard Richter

Gerhard Richter: “Seestück (bewölkt)”, 1969, 200 cm x 200 cm Werkverzeichnis: 235, Öl auf Leinwand

Nicht umsonst hat Richter seine Abstrakten Bilder neben die seiner Landschaften gestellt. Für ihn ergänzen sie Sehnsucht und Wirklichkeit als gefühlte und gedachte Realität und balancieren die Möglichkeiten der bildlichen Umsetzung von Wirklichkeitswahrnehmung aus. Zugleich lotet Richter die Grenzfragen der Malerei zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion aus. Richters vielzitierter, provokativer Ausspruch auf die Frage nach der Entscheidung für die Landschaftsbilder: „Ich hatte Lust, etwas Schönes zu malen“ wird gerne als Bestätigung einer Affinität zur Romantik gesehen, als sei „Schönheit“ ein alleiniges Kriterium romantischer Kunst.

Zugleich revidierte Richter aber, er sehe „keinen Sinn, alte verlorene Möglichkeiten der Malerei vorzuführen. Mir geht es […] um neue Möglichkeiten“ und ihm fehle „die geistige Grundlage, die die romantische Malerei unterstützte“. Es wird deutlich, daß Richter sich zwar zu seiner Nähe zu kunsthistorischen, darunter romantischen „Verpflichtungen“ bekennt, daß es ihm aber nicht darum geht, diese vorbehaltlos, „naiv“ zu übernehmen und fortzuführen, sondern daß er die historischen Errungenschaften der Malerei, das „Erbe“ in die Gegebenheiten der Gegenwart und deren Anforderungen transponieren will.

Richters Aussagen zu seinem Verhältnis zu Landschaftsbildern der Romantik erscheinen in der Gesamtschau von etwa dreißig Jahren widersprüchlich und irreführend und in ihrer Kürze bisweilen provokativ, doch zeigen sie symptomatisch seine ambivalente Haltung im Umgang mit historischen Positionen der Malerei, die Richters respektiert und aufgreift und zu neuen gegenwartsbezogenen Möglichkeiten umformuliert.

So zeigt Richters Bild ‚Seestück bewölkt“ im unteren Drittel nur das Meer; die Wellen und Schaumkronen sind nahezu waagerecht, als rollten sie fast frontal auf den Betrachter zu. Die Wolken hängen von oben herab, als wollten sie sich gleich aufs Meer legen und die diffuse Helligkeit, einzige lichte Zone im Bild links über dem Horizont, verdrängen. Bei Richters Seestück gibt es keine Anzeichen menschlicher Existenz- folglich ist sein „Seestück (bewölkt)“ nicht lesbar als Spiegel der Seele oder Symbol von Diesseits und Jenseits, Transzendentem oder Spirituellem im Sinne der Romantik Caspar David Friedrichs, wo die menschliche Figur die Relation der Dimensionen definiert, da bleibt Richters Bild leer, da ist die Verortung des Menschen darin nicht möglich. Das Motiv verhält sich uneindeutig in seinen Größenverhältnissen gegenüber dem Betrachter.

Es entsteht eine optische Irritation durch die fehlende eindeutige Perspektive und damit fehlende Räumlichkeit. Bei Richter wird die Perspektive durch die Dynamik der Farbe ersetzt, die sich zu Wolken „zusammenbraut“ und die Tiefenwirkung eines fiktiven Raumes erzielt. Die Natur reißt den Betrachter mit, schafft ein Gefühl der „Erhabenheit“, weil die Natur in ihrer scheinbaren Unmittelbarkeit mächtig und bedrohlich wirkt. Doch nur im ersten Augenblick. Schon im zweiten nimmt der Betrachter die optische Irritation wahr, die Glätte der malerischen Oberfläche und die Schnittkante zwischen Himmel und Meer. Hier offenbart sich nicht ein harmonisch komponiertes, symbolträchtiges Bild von der Anschauung der Natur. Hier zeigt sich vielmehr die Macht der Suggestion, mit der Richter nach der Vorlage zweier zusammenmontierter Photographien ein „malerisches“ Bild erstellt, das dem Betrachter vormacht, eine „wahre“ Momentaufnahme von einer speziellen Situation zu sein, wie sie der Betrachter selbst vielleicht schon mehrfach erlebt hat.

Über diesen Bruch in der Wahrnehmung will das Bild Richters nicht hinwegtäuschen. Anders als in Caspar David Friedrichs symbolhaften Stimmungslandschaften (die im Atelier aus Versatzstücken von Skizzen nach der Natur zusammengefügt wurden) macht das Seestück Richters deutlich, daß sich dem Betrachter kein Bild von der Natur darbietet, sondern ein Bild von Farben, die der Betrachter in seinem assoziativen Sehen und Empfinden für ein Bild von der Natur nimmt.

Dennoch vermag das Seestück eine gewisse Stimmung zu vermitteln, je nachdem, in welcher Verfassung der Betrachter ist, ob er entsprechend eher geneigt ist, der Täuschung zu erliegen und sich dem hinzugeben, was er in seiner Erinnerung an ähnliche Landschaftsbilder empfunden hat und was hier wieder wachgerufen wird, oder ob er das „Unechte“ wahrnimmt und das Bild als „verlogen“ enttarnt.

Literature:  Camille Morineau, Lucia Pesapane: Gerhard Richter, Panorama, Album de l’exposition, 2012 – Gerhard Richter de Jean-Philippe Antoine, Luc Lang et Gertrud Koch (1 avril 1995) – Gerhard Richter Paysages de Gerhard Richter (2012) – Camille Morineau, Antje Kramer, Julie Crenn et Judicaël Lavrador Gerhard Richter au Centre Pompidou (2012) – Nicholas Serota et Mark Godfrey: Gerhard Richter (2011).

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