Gerhard Richter – Betty, Panorama

Gerhard Richter: "Betty", 2012. The Official Exhibition poster of the Centre Pompidou, Paris, for the Gerhard Richter Retrospective "Panorama", June 6 to September 24, 2012, Paris, coffset print, coated paper, size 60 x 80 cm

Gerhard Richter: „Betty“, 2012, offizielles Ausstellungsposter des Centre Pompidou, Paris, anlässlich der Gerhard Richter Retrospektive „Panorama“ vom 6. Juni bis 24. September 2012, Offsetdruck, matt gestrichen. Format 60 x 80 cm. Preis auf Anfrage

Bettys Geheimnis

1968 wurde Betty, Richters erste Tochter, geboren, sie stammt aus seiner Ehe mit und Marianne (Ema) Eufinger, die er 1957 heiratete. Auf dem berühmten Ölgemälde trägt Betty einen rot geblümten Frotteebademantel, ihr blonder Zopf versteckt sich im Kragen. Wie Betty aussieht, bleibt ein Rätsel, denn sie kehrt dem Betrachter entschieden den Rücken zu. „Betty“ betitelte Gerhard Richter 1988 eines seiner Gemälde, das nach einem Foto aus dem Jahre 1978 entstand. Es erzählt wenig vom Modell, der damals 10-jährigen Tochter des Künstlers, aber viel darüber, wie Bilder entstehen und was wir als Betrachter in ihnen lesen wollen. Es ist ein Spiegel unserer Vorstellungen und konfrontiert uns mit den eigenen Erwartungen an ein Bild, ein Kunstwerk, ein Portrait. Kann „Betty“ überhaupt ein Portrait sein, wenn sie doch ihr Gesicht verbirgt? Oder ist Betty vielleicht gerade deswegen ein Charakterbild? Denn weil sie sich abwendet und weigert, ihr Gesicht zu zeigen, hat sich der Künstler entschieden, ihr Gesicht nicht zu zeigen. Und entspricht genau das seiner Meinung nach ihrem Wesen?

Das Original Ölgemälde ist zu bewundern im Saint Louis Art Museum, Saint Louis, USA. Zuletzt in Europa zu sehen war das Original innerhalb der Gerhard Richter Ausstellung ‚Panorama‘, in der Tate Gallery London, 6 October 2011 – 8 Januar 2012, in der Nationalgalerie Staatliche Museen zu Berlin, 12.02.2012 – 13.05.2012 und im Musée National d’Art Moderne, Centre Georges Pompidou, Paris, Frankreich vom 06. Juni 2012 – 24. September 2012.

“Betty”, 1988

(Auszug aus “Schein ist mein Lebensthema”: Der Maler Gerhard Richter, von Julia Klarmann Lectrice ENS de Lyon, Université de Lyon)

Zu sehen ist eine sich vom Betrachter abkehrende Mädchenfigur, die in seitlicher Ansicht und im abgewandten Profil erscheint. Eine Individualisierung ist nicht gegeben, denn ihr Gesicht ist nicht zu sehen. Nur die Kombination von Kleidung, Frisur und offenbar junger Haut erzeugt den Eindruck, es handle sich um eine junge Frau. Über ihr Aussehen kann man allerdings nur spekulieren. Das rosafarbene Oberteil und die rot-weiß gemusterte Jacke, die Betty darüber trägt, heben sich dabei deutlich vom dunklen Hintergrund ab. Diesem gilt der Blick der Dargestellten in Ignoranz des Bildbetrachters. Der Hintergrund ist für den Betrachter von keinem großen Interesse, und so bleibt sein Blick an der Figur selbst hängen. Trotz des monotonen Hintergrundes hat diese Rückenansicht die Funktion einer romantischen Bildfigur, die als Projektionsfigur oder gar Stellvertreter des Betrachters im Bild den Blick in die scheinbar unendliche Ferne lenkt. Im Unterschied zu einer romantischen Rückenfigur erscheint die Figur hingegen sehr nah, da sie vom unteren Rand und auch von den Seiten beschnitten ist. Anders ist auch die Belanglosigkeit des Hintergrundes, der eben nicht in die Ferne blicken lässt, wie man das von romantischen Gemälden kennt. An dieser Stelle sei auf das Gemälde Frau am Fenster von Caspar David Friedrich verwiesen. Stefan Gronert macht darauf aufmerksam, dass man im Hintergrund durch die rechte untere Bildkante eines der grauen Bilder von Richter erahnen kann (Gronert, 2006, S. 58). In diesem Fall wäre zusätzlich die Betrachtung eines anderen Gemäldes des Künstlers thematisiert. Und diese These beinhaltet auch die vermeintlichen Gegensätze von Abstraktion und Realismus, die in ein und demselben Gemälde vor Augen geführt werden. Eine weitere Ambivalenz ist in der Haltung der Porträtierten zu erkennen. Einerseits wird dem Betrachter durch die im Bildrechteck verankerte Figur Stabilität vermittelt; andererseits wirkt die manieristisch anmutenden Torsionsfigur, als ob sie sich jeden Moment umdrehen könnte.

Bei aller Romantik enttäuscht Betty die Erwartungen des Betrachters, insofern die Dargestellte sich seinem Anblick dezidiert entzieht, durch die Drehung aber gleichzeitig auch eine Identifikation verspricht, von dem er weiß, dass sie im Medium des Bildes nicht möglich ist (Gronert, 2006, S. 59). Richter selbst sagt, dass “der abgewendete Kopf zwar etwas plakativ Geheimnisvolles in das Porträt bringt, aber das Eigentliche, was da zur Wirkung kommt, sei doch vielmehr eine schmerzliche Wehmut über Verlust und Trennung und was da so in die Richtung gehe.” (Beyer/Knöfel, 2005). In dem selben Interview 2005 spricht Richter über die späten 1960er Jahre und behauptet, dass die “ganze Gesellschaft wenig Sinn für Familie und für Väter schon gar keinen hatte”. Im Nachhinein kann er das Verhalten der Progressiven nur als lächerlich empfinden. Man hätte sich “fahrlässig” verhalten; die Kinder sich selbst überlassen. Richter macht darauf aufmerksam, dass in dem Porträt seiner Tochter Betty etwas von der Trauer darüber anklinge (Beyer/Knöfel, 2005, “Mich interessiert der Wahn”, in: Spiegel am 15.08.2005). Auf die Aussage, dass es sich bei der Rückenansicht seiner Tochter um eine weltberühmte Ikone handle, antwortete Richter, dass es “ja auch sehr attraktiv sei, delikat gemalt, es hat eine schöne Farbigkeit und einen interessanten Kontrast von dem einfarbigen dunklen Hintergrund zu einer leuchtenden Pracht des Blumenmusters auf dem Bademantel, den meine Tochter trägt”. (Beyer/Knöfel, 2005, “Mich interessiert der Wahn”, in: Spiegel am 15.08.2005). Anfangs habe er wegen dieser Komposition Bedenken gehabt, gestand Richter vor ein paar Jahren: “Es schien mir zu filmisch, so in Richtung Hitchcocks Psycho” (Beyer/Knöfel, 2005, “Mich interessiert der Wahn”, in: Spiegel am 15.08.2005). Entsprechend seiner Popularität zählt dieses Porträt zu den auch in der Literatur am meisten besprochenen Werken des Künstlers. Dies liegt sicher auch daran, dass Richter hier der Vorstellung entgegentritt, dass ein identifizierbares Subjekt eine notwendige Bedingung für ein Porträt sei. Es kommt nicht von ungefähr, dass Richter in den Fragebogen (nach Marcel Proust) auf die Frage nach seinem Hauptcharakterzug “Skeptizismus” eingetragen hat (Elger, 2007, S. 44).

 

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