Edvard Munch – Der Schrei

Edvard Munch, Der Schrei, 1895  (lower  left) Pastel  on  board  in  the  original  frame 79  by  59  cm

Edvard Munch: “Der Schrei”, 1895, signiert unten links, Pastellfarben auf Karton. Grösse: 79  x 59  cm. Copyright © Sotheby’s 2012

“Der Schrei” gilt neben Leonardo da Vincis “Mona Lisa” und Vincent van Goghs Variationen der “Sonnenblumen” als eines der bekanntesten Gemälde weltweit sowie als expressionistisches Meisterwerk. Und nach der Auktion bei Sothebys, New York, am 2. Mai 2012 mit dem sagenhaften Rekordpreis von über US$ 120 Millionen, wurde es auch zum teuersten Kunstwerk der Welt. Doch nicht einmal zwei Jahre hielt dieser Rekord, denn im Februar 2104 ersteigerte ein New Yorker Kunsthändler das Triptychon „Three Studies of Lucian Freud“ von Francis Bacons für 142,4 Millionen US $ incl. Aufgeld. Die Kunstwelt hat somit einen neuen Auktionsrekord, und beiden Künstlern ging es in ihren Darstellungen um Nahaufnahmen psychischer Verfassungen des Menschens. (Klicken Sie hier zu Francis Bacon – Die Zeit heilt die Wunden nicht).

Doch wurde im Mai 2012 in New York eigentlich nicht «Der Schrei», sondern «Ein Schrei» verkauft. Denn es gibt vier Versionen von diesem Bild. Doch drei davon hängen in norwegischen Museen und sind praktisch unverkäuflich. So war der Abend von New York die seit mehr als 70 Jahren einzige Möglichkeit, das laut Umfragen zweitbekannteste Bild nach der «Mona Lisa» von Leonardo da Vinci zu kaufen. Das Bild hat übrigens einen deutschen Hintergrund, weil es für einen deutschen Kaufmann gemalt wurde und von Munch auch den deutschen Titel «Der Schrei» bekam. Zeitgenossen faszinierte der Gegensatz zwischen der Idylle im Bildhintergrund und der entsetzten Figur, die mit weit aufgerissenen Augen die Hände an den Kopf schlägt und lautlos schreit. Munch konnte nicht ahnen, dass sein expressionistisches Meisterwerk später ein Symbol für das Entsetzen des 20. Jahrhunderts werden würde.

Im verschiedenen Medien kursieren die unterschiedlichsten Listen und Rankings der teuersten Kunstwerke dieser Welt. Doch wo ordnet man nun den sagenhaften Rekordpreis für das Edvard-Munch-Gemälde “Der Schrei” ein? Grundsätzlich muss man bei allen öffentlich kursierenden Preisen in zwei Kategorien unterscheiden. Da sind zum einen die Auktionspreise. Diese sind öffentlich und so auch nachprüfbar. Und dann gibt es noch die Kategorie der Privatverkäufe von Sammler zu Sammler. Diese Variante kommt dann ins Spiel, wenn bedeutende Kunstwerke zwischen Privatsammlern direkt verkauft werden, auch wenn Galerien, Kunsthändler oder Auktionshäuser zwischen privaten Verkäufer und Käufer vermitteln, dringen selten die erzielten Preise an die Öffentlichkeit. Eine beliebte Taktik ist es auch, die angeblich “erzielten Preise” nur zu lancieren, um den Wert eines Künstlers zu pushen oder zu stabilisieren. Eindeutige Beweise für die erzielten Rekordpreise gibt es allerdings nicht. Aktuellstes Beispiel hierfür ist das Paul-Cézanne-Gemälde “Die Kartenspieler”. Wenn man den Gerüchten Glauben schenkt, wurde es angeblich für rund 250 Millionen Dollar nach Katar verkauft. Nur offiziell bestätigen will dies niemand.

In diesem Jahr 2013 jährt sich nun der Geburtstag des großen Künstlers Edvard Munch zum 150. Mal. Aus diesem Anlass richten die beiden Osloer Institutionen Munch Museum und Nasjonalmuseet die bisher umfangreichste Retrospektive zu Munchs künstlerischem Schaffen aus. Die Jahrhundertausstellung »Munch 150« vereint erstmals eine außergewöhnlich hohe Zahl seiner Meisterwerke mit weniger bekannten Werken, die mühsam aus öffentlichen wie privaten Sammlungen aus aller Welt ausgeliehen wurden – Ein Kunstereignis vom Weltrang! Der umfangreiche und wie die Ausstellung einzigartige Katalog präsentiert die gesamte Entwicklung von Edvard Munchs Kunst aus den 1880er-Jahren bis zu seinem Tod im Jahr 1944 in Gemälden, Zeichnungen, Druckgrafiken und Fotografien. Der Katalog zeigt natürlich seine Hauptwerke, aber ebenso Porträts, Selbstporträts, Abstraktionen, Repräsentation und die Inszenierung der Geschlechter aus Munchs markanter künstlerischer Perspektive.

Edvard Munch war einer der bedeutendsten Vermittler zwischen der klassischen und modernen Malerei. Er schuf ein Oeuvre, das nicht nur für den Expressionismus, sondern für die gesamte Kunst der Moderne wegweisend war und bleiben wird. Er war aber ebenso ein experimentierfreudiger Grafiker, der mit Radierungen, Lithografien und Holzschnitten das suggestive Formenspiel seiner Bilder variierte und zu neuen Aspekten brachte. Sein Lebensthema, die sinnliche und stets rätselhafte Visualisierung seelischer Zustände und emotionaler Erfahrungen, fand durch diese Werke ein breites Publikum. Die oft aus sehr persönlichen Erlebnissen entwickelten Sujets erregten in ihrer Entstehungszeit großes Aufsehen und hatten das Potenzial, den Kunstbetrieb um 1900 zu skandalisieren.

Der Schrei“ von 1895, beruht auf einem sinnlich intensiven Erlebnis, wie Munch festhält: „Ich ging die Straße hinunter mit zwei Freunden – als die Sonne unterging – der Himmel sich plötzlich blutrot färbte – ich blieb stehen, lehnte mich todmüde an das Geländer – über dem blauschwarzen Fjord und der Stadt lagen Blut und Feuerzungen – meine Freunde gingen weiter, und ich, stand da zitternd vor Angst – und ich fühlte, daß ein unendlicher Schrei durch die Natur ging.“

Es ist dieses Gefühl der menschlichen Existenzangst, das Munch immer wieder beschäftigte und ihn verschiedene Versionen von „Der Schrei“ in unterschiedlichen Techniken anfertigen ließ. Sich selbst zeigt er auf allen diesen Bildern als amorphe, fast fötusartig gekrümmte Gestalt, die dennoch als Gesicht – vor allem in der späteren Fassung von 1910 – einen Totenkopf hat. Das vergängliche Schicksal des menschlichen Daseins, die Verbindung von der Geburt zum Tod ist in dieser Figur vereint. Auch der Betrachter ist von diesem unvermeidlichen Schicksal betroffen, öffnet sich doch die Brücke am unteren Bildrand auf die gesamte Breite und zieht den Betrachter durch den Sog der Perspektive gemeinsam mit der schreienden Gestalt, gemeinsam mit den nichtsahnenden Fußgängern in die Tiefe des Bildes. Dort, am Ende der Brücke, wartet ein wie zum Weltuntergang gefärbter Himmel auf sie.

Ein geradezu kosmisches Naturereignis ist im Begriff, die schreiende, menschliche Figur und alle anderen mit ihr zu verschlingen. Oder, wie Munchs Malerfreund August Strindberg meint, es ist der „Schrei des Entsetzens vor der Natur, die vor Zorn errötet und sich anschickt, durch Sturm und Donner zu den törichten kleinen Wesen zu sprechen, die sich einbilden, Götter zu sein, ohne ihnen zu gleichen.“ Verwundert es angesichts eines solchen Sinneseindrucks noch, dass Munchs Gesicht vom Schrecken gezeichnet ist und den  Mund zum Urschrei aufreißt? Die Farben, die Komposition, der Duktus machen die Synästhesie möglich: Vertieft in die erbarmungslosen Ereignisse des Bildes wird der Schrei für den Betrachter hörbar.

Literatur: Werkverzeichnis Edvard Munch, 2009. Von Gerd Woll,  Format je 28 x 33 cm, 1696 Seiten, 2000 Abb., geb. 4 Bände im Schmuckschuber. Das Werkverzeichnis wird von Beiträgen renommierter Kunsthistoriker begleitet, die die aktuellen Forschungsergebnisse zur Arbeit des Künstlers berücksichtigen. (Text engl.).

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