Bernhard Heisig – und die Wut der Bilder

Bernhard Heisig: Ölgemälde "Liebespaar" (2010) ___________________________________________________________________________

Bernhard Heisig: “Liebespaar” (2010), Öl auf Leinwand, signiert. Format im handgearbeiteten Rahmen mit Echtweißgoldauflage 91 x 71 cm. VERKAUFT. Weitere Anfragen- klicken Sie hier: Anfragen an Art Galerie Nolden/H – Paris.
_____________________________________________________________________
Der Maler Bernhard Heisig, geboren 1925 in Breslau, gestorben am 10. Juni 2011 in seinem Wohnort Strodehne an der Havel in Brandenburg, war wohl der bedeutendste Künstler der ehemaligen DDR. Zusammen mit Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer hat er die sogenannte “Leipziger Schule” begründet und als langjähriger Rektor der dortigen Kunstakademie Generationen von Malern geprägt. Auch am Erfolg von Künstlern wie Neo Rauch und den zur Zeit so angesagten jüngeren wie Tilo Baumgärtel und Tim Eitel hat er entscheidenden Anteil. Heisigs Bilder sind Bilder, die laut schreien, voller Wut und Verzweiflung. Er wollte „den Schrei der Menschen organisieren“. Malerei war für ihn keine Illustration philosophischer Konstruktionen, ihre Bedingung war „die Wut der Sinne“(Max Beckmann). Fast immer kreisen seine Arbeiten um dasselbe Thema: Gewalt und Krieg. ________________________________________________________________________________

Bernhard Heisig: Lithografie "Porträt Theodor Fontane" (1998) Original-Lithografie, 1998. Auflage 111 Exemplare auf Bütten, nummeriert und handsigniert. Ungerahmt. Motivgröße 43 x 33 cm. Blattformat 76 x 56 cm wie Abbildung. 450,00 EUR

Bernhard Heisig:”Porträt Theodor Fontane”, 1998, Original-Lithografie, 1998. Auflage 111 Exemplare auf Bütten, nummeriert und handsigniert. 43 x 33 cm. Blattformat 76 x 56 cm. Preis auf Anfrage, klicken Sie hier: Anfragen an Art Galerie Nolden/H – Paris

 

Es hat fast zwei Jahrzehnte gedauert, bis Bernhard Heisig in der Lage war, seine eigenen Kriegserlebnisse malerisch aufzuarbeiten, und seitdem arbeitete er unermüdlich daran, getreu dem Motto Sigmund Freuds: „Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten“. Er erinnerte sich, um zu vergessen, aber es ist ihm nicht wirklich gelungen. Zu schrecklich waren die Erlebnisse, zu mächtig sind die Geister der Vergangenheit, von denen er wie Goethes „Zauberlehrling“, als der er sich auf vielen Bildern, wie z.B. den „Atelierbildern“ sieht, ständig überwältigt wird.

Bernhard Heisig: "Zauberlehrling II", 1981, Öl auf Leinwand

Bernhard Heisig: “Zauberlehrling II”, 1981, Öl auf Leinwand.   Copyright ©  VG Bild-Kunst, Bonn.

Ein Atelierbild, das den Maler Bernhard Heisig als Schöpfer und Erdulder seiner Geschöpfe zeigen. Mit dem Titel “Zauberlehrling” stilisiert sich der Künstler zum Gehilfen des Hexenmeisters, der die Geister der Vergangenheit, die er beschworen hat, nicht loswerden kann. Heisigs Atelier mit seinen Modellen und Marionetten steht für die Gegenwart des Malers, während jenseits des Atelierfensters an Stelle seiner Wahlheimat Leipzig die Schreckensbilder der Festung Breslau aufscheinen. In einem Ausstellungs- Katalog wird Heisig mit Jorge Semprun verglichen, der auch erst nach langen Jahren in der Lage war, über seine Erlebnisse als Häftling in Buchenwald zu schreiben, weil er entweder leben oder schreiben konnte. Ein Vergleich, der aber mehr als zweifelhaft ist. Denn schließlich war Semprun eindeutiges Opfer des Faschismus, während sich Heisig freiwillig zur Waffen- SS meldete, sich auf die Seite der Täter begab. Auch wenn zu berücksichtigen ist, dass er zu diesem Zeitpunkt erst 16 Jahre alt war, ist diese Gleichsetzung unzulässig.

Bernhard Heisig. " Der Ruhm von gestern", 1981, Öl auf LeinwandBernhard Heisig: ” Der Ruhm von gestern”, 1981, Öl auf Leinwand.   Copyright ©  VG Bild-Kunst, Bonn.

Heisig begann als Historienmaler mit Bildern zur Pariser Kommune. In die Darstellung der von den Versailler Truppen niedergemetzelten Kommunarden mischen sich seine eigenen Kriegserfahrungen als Freiwilliger bei der Waffen- SS. Auf den Vorwurf des Geschichtspessimismus reagierte er mit der Übermalung vieler Bilder. Gleichzeitig malte er die “Alpträume des unbelehrbaren Soldaten”. Auf dem Gemälde “Der Ruhm von gestern” liegt in der Mitte des Raumes ein schreiender Kriegskrüppel mit einer Armprothese und Beinstümpfen. Noch in seinem hilflosen Zustand als Krüppel schwingt er zur Marschmusik der vom Narren geblasenen Kontrabaßtuba sein Holzbein wie im Stechschritt aggressiv aus dem Bild heraus. Hinter ihm leiten Lautsprecherbatterien über zu einer gußeisernen Brücke, die auf die Festung Breslau verweist.

Bernhard Heisig: "Die erste Bürgerspflicht", 1977, Öl auf leinwandBernhard Heisig: “Die erste Bürgerspflicht”, 1977, Öl auf leinwand.   Copyright ©  VG Bild-Kunst, Bonn.

Heisig erinnert an die gewaltsame, handstreichartige Eroberung Breslaus und der österreichischen Provinz Schlesien durch den jungen König Friedrich II. In seinen Preußenbildern stellt sich der Schlesier Bernhard Heisig, der bis zum 10. Mai 1945 in der “Festung Breslau” ausharren und die sinnlose Selbstzerstörung dieser mitteleuropäischen Stadt erleben mußte, die Frage, ob zwischen diesem Ereignis und dem vor fast genau zweihundert Jahren stattgefundenen Einmarsch der Preußen ein fataler Zusammenhang besteht. In mangelnder Zivilcourage und Obrigkeitsgläubigkeit sieht er die Ursache für die zwei Diktaturen in Deutschland. Programmatisch steht deshalb am Beginn von Heisigs Auseinandersetzung mit Preußen die Revolution von 1848 in Deutschland. Das Gemälde “Die erste Bürgerpflicht” von 1977 bezieht seinen Titel von der Parole “Ruhe ist jetzt die erste Bürgerpflicht”, die General Friedrich Graf von Wrangel, der militärische Führer der Gegenrevolution, nach seiner Besetzung Berlins verbreiten ließ. Der Betrachter schaut fast senkrecht von oben auf das Getümmel von grotesk ineinander verkeilten Soldaten in einer Gasse, auf deren gepflasterten Boden das von Wrangel unterzeichnete Flugblatt zu sehen ist. In die Phalanx der verschreckt wirkenden, schreienden Bürger mit Zylinder und Stehkragen am unteren Bildrand hat sich der Künstler eingereiht.

Bernhard Heisig:Ölgemälde "Mephistopheles: Ihr Mann ist tot und lässt Sie grüßen" (2008).Bernhard Heisig: “Mephistopheles: Ihr Mann ist tot und lässt Sie grüßen”, Ölgemälde, (2008). Das Thema “Faust” nach Johann Wolfgang von Goethe, spielt in Bernhard Heisigs Bildwelten eine durchgängige Rolle. Heisig erfindet die handelnden Personen bildnerisch neu und setzt sie dramaturgisch in einer nur ihm gegebenen Bildsprache um. Öl auf Leinwand 2008, signiert. Im handgearbeiteten Rahmen mit Echtgoldauflage 85 x 65 cm. VERKAUFT. Weitere Anfragen- klicken Sie hier: Anfragen an Art Galerie Nolden/H – Paris.

 

Bernhard Heisig: "Christus verweigert den Gehorsam II", 1986-88, Öl auf LeinwandBernhard Heisig: “Christus verweigert den Gehorsam II”, 1986 – 88, Öl auf Leinwand,   Copyright ©  VG Bild-Kunst, Bonn.

Nach dem Tod der Mutter, die den Ersten Weltkrieg noch erlebt hatte, wendet sich Heisig der dritten Generation seiner Familie zu. Als Walter Eisler, sein jüngster Sohn, gerade zum Militärdienst eingezogen, eines Tages seinen Vater im Atelier besuchte, fiel dem Maler Bernhard Heisig plötzlich die fatale Nähe des Uniformschnitts der Nationalen Volksarmee der DDR zur ihm noch vertrauten Wehrmachtsuniform ins Auge: “Mein Sohn sollte durch die Begegnung mit Bildern nachdenken lernen, was meinem Vater im Ersten und mir im Zweiten Weltkrieg verwehrt war.” Der Sohn steht als “Der Kriegsfreiwillige” schreiend mit vor Entsetzen weit geöffneten Augen und kalkweißem Gesicht zwischen einem Gemälde von Otto Dix (Schützengraben des Ersten Weltkrieges) und des Vaters (Festung Breslau am Ende des Zweiten Weltkriegs). Das Gemälde “Christus verweigert den Gehorsam II” , 1986/87, geht zurück auf eine Bildidee von Fritz Cremer, der als Marxist mit der Losung “Genug gekreuzigt!” die Umdeutung der christlichen Botschaft von der Erlösung durch das Kreuz zur Erlösung vom Kreuz propagierte. Christus erscheint als halbnackter Mann, der mit seiner Uniformhose, seinem Koppel (auf der das blasphemische “Gott mit uns” steht) und seiner Erkennungsmarke auf der nackten Brust eindeutig als Soldat gekennzeichnet ist. Mit schmerz- und wutverzerrter Miene reißt er sich die Dornenkrone vom blutenden Kopf. Rechts hinter ihm liegt der auf das Kreuz genagelte tote Christus mit der Dornenkrone auf dem Boden. Der den Gehorsam verweigernde Christus trägt die Gesichtszüge Bernhard Heisigs.

Bernhard Heisig: "Seeräuberjenny", 1979/80, Öl auf LeinwandBernhard Heisig: “Seeräuberjenny”, 1979/80, Öl auf Leinwand.  Copyright ©  VG Bild-Kunst, Bonn.

Zu den an Weltlandschaften des 16. Jahrhunderts erinnernden Weltbildern gehört auch das Gemälde “Seeräuberjenny”, das sich auf das gleichnamige Lied Polly Peachums aus Bertolt Brechts Dreigroschenoper (1928) bezieht, in dem das Küchenmädchen davon träumt, Seeräuberbraut zu werden. Der Marionettenspieler am oberen Bildrand, an dessen Fäden Mackie Messer hängt, enthüllt die ganze Szenerie als großes Marionettentheater und zeigt so den Einfluß des Brechtschen Moritatenstils auf den Maler.

Bernhard Heisig : Ölgemälde "Abend im Havelland" (2008)Bernhard Heisig: Ölgemälde “Abend im Havelland” (2008), Öl auf Leinwand 2008, signiert. Im handgearbeiteten Rahmen mit Echtgoldauflage 65 x 85 cm. VERKAUFT. Weitere Anfragen- klicken Sie hier: Anfragen an Art Galerie Nolden/H – Paris

Bernhard Heisig: "Der sterbende Ikarus", 1978/79, Öl auf Leinwand

Bernhard Heisig: “Der sterbende Ikarus”, 1978/79, Öl auf Leinwand,  Copyright ©   VG Bild-Kunst, Bonn.

Zum Typus der Weltlandschaft gehört auch “Der sterbende Ikarus”. Das Gemälde zeigt den schreienden, rücklings stürzenden Ikarus vor der Kulisse des babylonischen Turms. Der Mythos vom Höhenflug und Sturz des Ikarus war ein zentrales Motiv von Bernhard Heisigs Malerei in den siebziger Jahren. Er identifiziert sich mit seinem negativen Helden, der unvernünftig das Unmögliche versucht. Im Gegensatz dazu ist Daedalus der Idealtypus des sozialistischen Realisten, der fortschrittsgläubig die Widrigkeiten der menschlichen Natur überlistet.

Bernhard Heisig: „Unterm Hakenkreuz“ (1973). Die NS-Zeit war ein gesamtdeutsches Thema., © Wiener Zeitung / Foto: Staatl. Museen zu Berlin, Nationalgalerie__________________________________________________________________________________________

Bernhard Heisig: „Unterm Hakenkreuz“ (1973). © Staatl. Museen zu Berlin, Nationalgalerie.  Copyright ©   VG Bild-Kunst, Bonn.

Heisig selbst sah sich als Täter und Opfer zugleich, er wollte mit seinen Arbeiten seine Schuld abarbeiten, und er wollte die Erinnerung an die deutschen Verbrechen wach halten, wie in seinem Zyklus „Der faschistische Alptraum“ über geschundene KZ-Häftlinge, aber auch über verbrannte Panzerfahrer. Er würdigt den jüdischen Maler Felix Nussbaum, und er zitiert die Todesfuge von Paul Celan. Deshalb war es auch durchaus zu begrüßen, dass er – trotz aller Proteste – den Auftrag bekommen hat, eine Arbeit für den Deutschen Bundestag herzustellen, verkörpert er doch wie kaum ein anderer die Brüche in der deutschen Geschichte.

Bernhard Heisig, Zeit und Leben, 1999, 124,5 x 591,5 cm. Gemälde für die Cafeteria im Reichstag. © VG Bild-Kunst, Bonn 2005. Foto: Bildarchiv Galerie Berlin, Bernd Kuhnert

______________________________________________________________________________________

Bernhard Heisig: “Zeit und Leben”, 1999, 124,5 x 591,5 cm. Gemälde für die Cafeteria im Reichstag. © VG Bild-Kunst, Bonn 2005. Foto: Bildarchiv Galerie Berlin, Bernd Kuhnert.

Bernhard Heisig: "Zeit und Leben" (Ausschnitt), 1999, Reichstag BerlinBernhard Heisig: “Zeit und Leben” (Ausschnitt), 1999, Reichstag Berlin, Copyright ©   VG Bild-Kunst, Bonn.

Heisig bietet in seinen Werken keine endgültigen Lösungen an (nicht umsonst heißt eines seiner Bilder „Schwierigkeiten beim Suchen nach Wahrheit“), und es gibt für ihn keine fertigen Bilder. Wieder und wieder, auch nach Jahren noch und selbst in Ausstellungen, werden sie übermalt und vollkommen neu gestaltet, sein Weltbild war fatalistisch, ein Pessimist durch und durch, sein Leitbild blieb die Apokalypse. In seinen Arbeiten verbindet er fiktive, reale und allegorische Figuren. Viele Gestalten wie der unbelehrbare Soldat, der grinsend das Eiserne Kreuz hochreckt, der ungehorsame Christus, der sich die Dornenkrone vom Kopf reißt, der abstürzende Ikarus, dieses Paradigma der Moderne, dieses Selbstbild des an der Welt scheiternden und leidenden Künstlers (Baudelaire), oder der von ihm erfundene „Pflichttäter“ tauchen ständig wieder auf, alle oft mit dem Antlitz Heisigs. Es finden sich Erinnerungsfetzen, Sprüche, Symbole, Metaphern, und im Hintergrund ist immer wieder seine Heimatstadt Breslau zu sehen, die er am Ende des Krieges mitverteidigte und die in einem Flammenmeer unterging. Natürlich gibt es zahlreiche Kritiker, die ihm die Legitimation absprechen, über Moral zu richten, die ihm vor allem seine Nähe zu den Machthabern der ehemaligen DDR vorwerfen. Für Baselitz z.B. ist und war er kein Künstler, kein Maler, sondern nur führender Funktionär eines verbrecherischen Regimes, Propagandist einer Ideologie. Dem widersprechen jedoch Heisigs Arbeiten, die weit entfernt sind von dem staatlich verordneten Sozialistischen Realismus, mögen sie auch um den Preis vieler Kompromisse und ständigen Taktierens entstanden sein. Aber eindimensional sind sie genauso wenig wie es das Leben Bernhard Heisigs war.

Fragen Sie hier nach unserer aktuellen Verkaufsliste mit Werken von Bernhard Heisig – klicken Sie hier: Anfragen an Art Galerie Nolden/H – Paris

_________________________________________________________________

Literatur:

Brusberg Dokumente, 35 – Mit den Augen des Händlers: Bernhard Heisig, “Begegnung mit Bildern” von Dieter Brusberg und Joachim Fest, 1995

Bernhard Heisig – Retrospektive von Jörn Merkert und Peter Pachnicke, 1989.

Die Wut der Bilder – von Bernhard Heisig und Eckhart Gillen, 2005.

Bilder aus vier Jahrzehnten – von Ernst W. Brüggemann und Rüdiger Küttner, 1995

_________________________________________________________________

Sehen Sie hier weitere Werke von wichtigen Künstlern aus der DDR – Klicken Sie hier!